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Warum aus Fehlern Feindbilder werden: Hasskultur im SimRacing

Warum der Respekt im SimRacing gerade spürbar abnimmt

Aus der Sicht eines Team-Owners, der es täglich live miterlebt


Ich bin seit mehreren Jahren als Team Owner im SimRacing unterwegs und schaue nicht nur auf Resultate oder Pace. Ich schaue vor allem auf Menschen. Auf Dynamiken. Auf das, was zwischen den Zeilen passiert, während wir alle eigentlich nur Rennen fahren wollen. Und genau deshalb fällt mir seit einiger Zeit etwas auf, das ich nicht mehr ignorieren kann. Der Respekt nimmt ab. Nicht punktuell, nicht in einzelnen Ausnahmen, sondern spürbar auf breiter Front. Und das betrifft nicht nur fremde Fahrer oder andere Teams, sondern genauso auch die eigene Bubble. Ich sehe es in den Streams, in den Chats, in den Lobbys, in den Diskussionen danach. Immer wieder, bei unterschiedlichsten Gruppen, in verschiedensten Konstellationen.


Besonders deutlich ist es seit dem Wechsel in eine neue Phase des SimRacings geworden, seitdem viele nicht mehr in dem Umfeld unterwegs sind, das über lange Zeit sehr präsent war, sondern sich das Feld stärker in Richtung einer neuen Plattform verschoben hat. Was früher eine gewachsene Kultur hatte, wirkt heute vielerorts wie ein Raum, der noch keine gemeinsamen Standards kennt. Und genau dort, in dieser Übergangszeit, entsteht etwas, das jede Community langfristig beschädigt. Mehr Hass. Mehr persönliche Angriffe. Mehr Eskalation. Weniger Geduld. Weniger Respekt.


Was ich in Streams am stärksten wahrnehme

Ich schaue sehr viele Rennen. Ich schaue die Streams von anderen, ich schaue unsere eigenen, ich analysiere Szenen, ich höre zu, wie gesprochen wird. Nicht, um jemanden zu erwischen, sondern weil ich verstehen will, wie sich das Verhalten verändert. Und es ist schlicht auffällig, wie oft heute aus einem normalen Rennmoment direkt eine moralische Bewertung gemacht wird.


Ein Kontakt in Kurve 1 ist plötzlich nicht mehr ein Racing-Incident, sondern „Absicht“. Ein Rejoin, der schlecht gelaufen ist, ist nicht mehr eine Fehlentscheidung, sondern „Respektlosigkeit“. Ein verpatztes Bremsmanöver wird nicht als Fehler beschrieben, sondern als „Dummheit“. Und damit wird aus Motorsport schnell etwas, das eher an ein Tribunal erinnert. Es geht nicht mehr darum, was passiert ist, sondern darum, wer angeblich so ist.


Das betrifft nicht nur einzelne Fahrer. Ich sehe es bei vielen Teams, bei vielen Communities, bei vielen Streamern, manchmal sogar bei Leuten, von denen ich es am wenigsten erwarten würde. Das ist das eigentliche Warnsignal. Wenn Respekt zur Ausnahme wird, hat sich die Norm verschoben.


Warum es seit der Open-Lobby-Dominanz schlimmer wirkt

Ich bin überzeugt, dass ein Teil dieses Problems mit dem Umfeld zusammenhängt, in dem aktuell besonders viel gefahren wird. Open Lobbies sind schnell, zugänglich, unkompliziert. Man ist sofort drin. Man braucht keine Anmeldung, keine Verpflichtung, keine Saison, keine Struktur. Das ist einerseits großartig, weil es viele Menschen zusammenbringt. Andererseits ist es genau das, was Open Lobbies sozial fragil macht.


In einer Liga kennst du die Leute. Du triffst sie wieder. Du hast einen Kontext. Es gibt eine gewisse soziale Bremse, weil die Community sich erinnert. Es gibt Regeln, es gibt Stewarding, es gibt Konsequenzen. Und vor allem gibt es das Gefühl, dass man gemeinsam etwas aufbaut. Selbst wenn es mal kracht, ist das Ziel klar. Man will besser werden, gemeinsam.


In Open Lobbies fehlt oft genau dieser Rahmen. Du triffst viele Menschen nur einmal. Du siehst sie vielleicht nie wieder. Das senkt die Hemmschwelle. Nicht unbedingt, weil alle böse sind, sondern weil soziale Konsequenzen weniger spürbar sind. Und wenn dann etwas passiert, wird nicht deeskaliert, sondern sofort emotional reagiert.


Das Racing wird dadurch nicht zwangsläufig schlechter, weil alle schlechter fahren. Es wird schlechter, weil die Bindung fehlt, die aus einem Wettbewerb eine sportliche Kultur macht.


Der Chat ist nicht mehr Begleitung, sondern Brandbeschleuniger

Am deutlichsten zeigt sich die Veränderung im Ingame-Chat. Früher war der Chat selten angenehm, aber er war auch nicht dauerhaft toxisch. Heute sehe ich in vielen Sessions eine Zunahme von Beleidigungen und Insults, die wirklich Überhand genommen hat. Und zwar so stark, dass der Chat nicht mehr einfach nebenbei existiert, sondern aktiv zur Eskalation beiträgt.


Man merkt richtig, wie der Ton eine Session beeinflusst. Wer beleidigt wird, fährt nervöser. Wer provoziert wird, reagiert härter. Wer sich angegriffen fühlt, sucht nach „Gerechtigkeit“ auf der Strecke. Und aus einem kleinen Missverständnis wird eine Kettenreaktion. Am Ende haben mehrere Leute ein Rennen verloren, nicht wegen des eigentlichen Kontakts, sondern wegen der Dynamik danach.


Das ist für mich der zentrale Punkt. Der Chat ist nicht mehr nur Ausdruck von Frust. Er wird zum Motor, der Frust produziert.


Warum Fehler bei manchen sofort als Absicht gelten

SimRacing hat eine harte Eigenschaft. Fehler fühlen sich nicht nur ärgerlich an, sie fühlen sich unfair an. Du investierst Zeit, Setup-Arbeit, Training, Konzentration. Du bist im Flow. Und dann ist es in einer Sekunde vorbei. Dieses Gefühl erzeugt eine enorme Spannung, und das Gehirn sucht sofort nach einer Erklärung.


Die ehrlichste Erklärung wäre oft: Es war unglücklich. Zwei Blickwinkel, zwei Bremsmarker, unterschiedliche Linien, ein kleiner Lag, eine falsche Einschätzung. Das passiert. Aber diese Erklärung ist emotional nicht befriedigend. Viel befriedigender ist es, wenn man einen Schuldigen hat. Wenn es Absicht war, ist die Welt geordnet. Dann darf man wütend sein, dann fühlt man sich im Recht.


Und genau hier beginnt das Problem. Wenn Absicht zur Standardannahme wird, sterben Fairness und Lernkultur. Dann wird aus SimRacing kein Sport mehr, sondern ein moralisches Schlachtfeld.


Warum bestimmte Teams und Communities mehr abbekommen, obwohl nicht mehr passiert

Ich habe über viele Streams hinweg gesehen, dass sich Kritik manchmal auffällig stark an bestimmten Namen, Tags oder Teams festbeißt. Und das ist etwas, das viele nicht offen ansprechen wollen, weil es sofort nach Drama klingt. Aber man muss es trotzdem ernst nehmen.


Es gibt Teams und Communities, die sind sichtbarer. Sie sind aktiver. Sie haben stärkere Identität. Sie sind öfter auf dem Grid. Sie sind öfter im Stream. Und Sichtbarkeit hat einen Preis. Wenn etwas passiert, wird es eher wahrgenommen. Es wird schneller geclippt. Es wird häufiger diskutiert. Und irgendwann entsteht ein Gefühl von „immer“.


Dabei ist „immer“ oft nur ein Effekt von Aufmerksamkeit. Wer häufiger gesehen wird, wird häufiger bewertet. Und wer häufiger bewertet wird, bekommt automatisch mehr Angriffsfläche. Dazu kommt der psychologische Mechanismus, dass Teams als Einheit wahrgenommen werden. Ein Fahrer macht einen Fehler, und es wird nicht als Einzelfall betrachtet, sondern als Teil eines Bildes. Aus „er“ wird „die“. Aus einem Moment wird ein Ruf.


Und wenn dieser Ruf einmal existiert, greift etwas sehr Menschliches. Man sucht Beweise dafür. Man erinnert sich an Szenen, die ins Bild passen. Man vergisst den Rest. Genau so entstehen Feindbilder. Nicht weil sie faktisch stimmen, sondern weil sie emotional praktisch sind.


Dogpiling: Wenn der Mob die Diskussion ersetzt

Das vielleicht schlimmste Phänomen, das ich aktuell beobachte, ist Dogpiling. Es ist dieses kollektive Draufhauen, das entsteht, sobald ein Name oder ein Tag im falschen Moment auftaucht. Plötzlich sind es nicht mehr ein oder zwei Stimmen, sondern zehn, zwanzig, hundert. Und die Diskussion ist keine Analyse mehr, sondern ein Richten. Oft mit Übertreibung, Häme und kompletter Entmenschlichung.


Dogpiling fühlt sich für die Beteiligten im Moment wie Zusammenhalt an. Man ist „auf der richtigen Seite“. Man gehört dazu. Man bestätigt sich gegenseitig. Und genau deshalb ist es so gefährlich. Es ist nicht einfach nur toxisch, es ist sozial belohnt.


Und wenn es sozial belohnt wird, nimmt es zu.


Was ich mir wünschen würde, damit SimRacing wieder gesünder wird

Ich glaube nicht, dass wir das Problem lösen, indem wir so tun, als sei alles halb so wild. Es ist nicht halb so wild. Es ist spürbar. Und es vertreibt langfristig genau die Leute, die wir eigentlich im SimRacing halten wollen. Die, die lernen wollen. Die, die fair fahren wollen. Die, die am Ende nach einem harten Fight trotzdem „GG“ schreiben können.


Was wir brauchen, ist nicht weniger Emotion. Wir brauchen bessere Standards.

Wir brauchen mehr Serien, mehr Ligen und mehr Formate mit Stewarding, das durchgreift. Nicht weil wir eine Polizei wollen, sondern weil Regeln und Konsequenzen eine Kultur formen. Wenn klar ist, dass Verhalten Folgen hat, beruhigt sich vieles automatisch.


Wir brauchen im Umgang miteinander eine neue Normalität. Wer im Chat beleidigt, sollte nicht als „lustig“ gelten, sondern als jemand, der den Sport kaputt macht. Wer öffentlich pauschalisiert und Teams oder Fahrer kollektiv abwertet, sollte nicht als „ehrlich“ gelten, sondern als Brandstifter.


Und wir brauchen von uns selbst eine ehrliche Selbstkontrolle. Ich sehe es auch bei uns. Ich sehe, wie schnell man sich im Moment provozieren lässt. Wie schnell man das Gefühl hat, man müsse reagieren. Wie schnell man sich rechtfertigen will. Wie schnell man im Kopf beginnt, zu zählen, wie oft das schon passiert ist. Genau dort muss man ansetzen. Nicht indem man alles schluckt, sondern indem man bewusst entscheidet, wie man wirken will.


Denn am Ende ist SimRacing eine Szene, in der Rivalität dazugehört. Aber Rivalität ohne Respekt ist nur Lärm.


Fazit: Weniger Hass, mehr Sport

Ich will nicht romantisieren. SimRacing war nie komplett sauber, nie komplett freundlich. Es gab immer harte Momente. Aber ich spüre, dass wir gerade an einem Punkt sind, an dem wir uns entscheiden müssen, welche Kultur wir in Zukunft wollen.


Wollen wir eine Szene, in der Fehler als Lernmomente behandelt werden, in der ein Incident zwar diskutiert wird, aber nicht zur öffentlichen Hinrichtung führt. Oder wollen wir eine Szene, in der jede Session auf der Strecke und im Chat ein Minenfeld ist.


Ich bin überzeugt, dass wir wieder zurückfinden können. Mit besseren Strukturen, mit klareren Standards, mit mehr Stewarding und vor allem mit einem gemeinsamen Verständnis, dass Respekt keine Schwäche ist, sondern die Grundlage von gutem Racing.


Weniger Tribunal, mehr Miteinander. In den Farben getrennt, in der Sache vereint.


Und ja, ganz ehrlich: Je länger ich das beobachte, desto klarer wird mir, dass es zu einfach wäre, nur nach außen zu zeigen. Wenn wir eine bessere Kultur wollen, beginnt das nicht bei „den anderen“, nicht bei irgendeiner Lobby, nicht bei irgendeinem Streamer oder irgendeinem Chat. Es beginnt bei uns selbst. Bei dem, was wir im Moment sagen, tippen und wie wir reagieren, wenn es eng wird.


Gerade als Team tragen wir Verantwortung, weil wir sichtbar sind. Und Sichtbarkeit ist nicht nur ein Risiko, sie ist auch eine Chance. Wir können entweder Teil des Lärms werden oder Teil der Lösung. Deshalb ist mein Anspruch, dass wir zuerst vor der eigenen Haustür kehren. Dass wir uns gegenseitig daran erinnern, respektvoll zu bleiben, auch wenn es unfair wirkt. Dass wir Fehler eingestehen, statt sie wegzudiskutieren. Dass wir uns an Standards halten, auch wenn es niemand kontrolliert.


Wenn jeder von uns, egal ob Fahrer, Team, Zuschauer oder Creator, an der eigenen Nase beginnt, passiert etwas Interessantes. Dann wird aus einer Szene, die sich über Schuldige definiert, wieder eine Community, die sich über Lernen und sportliches Miteinander definiert. Und genau das ist es, was SimRacing am Ende sein sollte. Nicht perfekt. Nicht konfliktfrei. Aber fair. Und menschlich.


Sébastien Cédric Fischer

 
 
 

3 Kommentare


ggsmp85
19. Jan.

😍 diese Worte sind Balsam für die Simracerseele. Wir von der ZPP gehen da voll mit! Weniger Hass und wieder mehr Spaß! Stay safe drivers!

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Super zusammengefasst. Spitzenmäßig!

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